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WeltMiami, Florida · Amerika

Flávio Bolsonaro trotz Ausreiseverbots in den USA – Brief (Übersetzt)

Brasiliens unterlegener Präsidentschaftskandidat beansprucht in einem Brief aus Miami die Führung des Landes. Nach einer CBP-Registerabfrage reiste er mit einem annullierten Diplomatenpass ein.

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Screenshot eines X-Beitrags mit der Überschrift „Carta à Nação Brasileira“ und zwei Seiten eines Briefs in portugiesischer Sprache
In einem „Brief an die brasilianische Nation“ erhebt Flávio Bolsonaro Betrugsvorwürfe zur Wahl und nennt die USA als Aufenthaltsort seiner Familie.

Der bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien unterlegene Kandidat Flávio Bolsonaro hat sich trotz eines gerichtlichen Ausreiseverbots in die USA abgesetzt. Der Senator der rechtsgerichteten Liberalen Partei (PL) landete am Mittwoch, 28. Oktober, mit seiner Frau und zwei Töchtern bei Miami. Am selben Tag erklärte er sich in einem Brief zum „wahren gewählten Präsidenten Brasiliens“ und schwächte die Formulierung kurz darauf ab.

Das Oberste Wahlgericht (TSE) hatte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zum Sieger der Stichwahl vom 25. Oktober erklärt. Für den behaupteten Wahlbetrug nennt Bolsonaro in dem Brief keine Belege.

Ausreise trotz Verbots und annullierter Pässe

Richter Alexandre de Moraes vom Obersten Gerichtshof (STF) hatte in der Wahlnacht angeordnet, dass Bolsonaro seine Pässe abgeben muss und das Land nicht verlassen darf. Die Bundespolizei hatte in ihrem Antrag eine „konkrete und aktuelle“ Fluchtgefahr angeführt. Ein Haftbefehl gegen Bolsonaro liegt nach bisherigem Stand nicht vor.

Hintergrund ist ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche im Zusammenhang mit Wetten und einem Anwalt. Ein weiteres Verfahren betrifft die Finanzierung des Films „Dark Horse“. Bolsonaro und der Anwalt bestreiten, Geschäftspartner zu sein, und weisen jede Unregelmäßigkeit zurück.

Am Montag, 26. Oktober, sagte Bolsonaro noch öffentlich, er habe nie daran gedacht, das Land zu verlassen, und werde die Pässe abgeben. Das tat er nicht. Am Dienstag, 27. Oktober, ließ die Bundespolizei auf Anordnung von Moraes seinen gewöhnlichen Pass und seinen Diplomatenpass annullieren.

Bolsonaro reiste über Land nach Argentinien aus und nutzte dabei einen italienischen Pass, der ihm 2023 ausgestellt worden war. Von dort flog er nach Angaben der argentinischen Behörden und laut Flugdaten mit einem Privatjet von Puerto Iguazú über Guayaquil in Ecuador zum Executive Airport Opa-locka bei Miami, wo er am Mittwochmorgen landete.

In die USA reiste er laut einer Abfrage im System der US-Grenzschutzbehörde CBP mit dem bereits annullierten Diplomatenpass ein; das berichteten das Portal g1 und CNN Brasil. Im System der US-Grenzschutzbehörde CBP sei seine Ankunft in Miami am 28. Oktober unter der Passnummer DC003744 verzeichnet.

Das US-Außenministerium kündigte Visa für Bolsonaro und seine Familie an. US-Präsident Donald Trump sagte vor Journalisten, er würde die Einreise billigen: „It would be okay with me“; um welche Art von Visum es sich handelt, war zunächst unklar. Ein Asylantrag ist bislang nicht bestätigt. Bolsonaros Mandat im Senat läuft noch bis Ende Januar.

Erst „gewählter Präsident“, dann „Anführer“

Die erste Fassung des dreiseitigen „Briefs an die brasilianische Nation“ verbreiteten Verbündete, darunter der Journalist Paulo Figueiredo. Darin nannte sich Bolsonaro „den wahren gewählten Präsidenten Brasiliens“. Das Wappen im Briefkopf trug einen Schreibfehler: „Estados Unidos do Brazil“ mit Z.

Kurz darauf veröffentlichte Bolsonaro auf der Plattform X eine geänderte Fassung mit korrigiertem Wappen. Darin wendet er sich „als Anführer Brasiliens“ an das Volk und die internationale Gemeinschaft. Rechtlich ändert keine der beiden Fassungen etwas am festgestellten Wahlergebnis.

X @FlavioBolsonaro

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Bolsonaro wirft in dem Schreiben Lulas früherem Anwalt ein „illegitimes und illegales“ Vorgehen vor und kritisiert eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, mit der die Abstimmung in letzter Minute verlängert worden sei. Er spricht von einer politisch motivierten „Hexenjagd“ gegen ihn und erwartet Fußfessel, Hausarrest und eine politische Verurteilung. Diese Schritte sind seine eigene Prognose; entsprechende Beschlüsse liegen nicht vor.

Amtliches Ergebnis: 4,4 Millionen Stimmen Vorsprung

Nach dem Endergebnis des TSE erhielt Lula in der Stichwahl 64.256.232 Stimmen (51,79 Prozent), Bolsonaro 59.826.041 (48,21 Prozent). Der Vorsprung beträgt 4.430.191 Stimmen. Das ist etwa doppelt so viel wie 2022, als Lula gegen Flávio Bolsonaros Vater Jair Bolsonaro mit rund 2,1 Millionen Stimmen Vorsprung gewann.

Die im Brief genannten mehr als zehn Millionen zusätzlichen Stimmen für Lula gab es tatsächlich: Lula legte zwischen den Wahlgängen um 10.376.694 Stimmen zu, Bolsonaro um 3.721.538. Im ersten Wahlgang hatte Bolsonaro mit 47,03 Prozent noch vor Lula mit 45,16 Prozent gelegen. Die übrigen Kandidaten hatten damals zusammen rund 9,1 Millionen Stimmen erhalten.

In der Stichwahl wurden zudem 13,95 Millionen Stimmen mehr abgegeben als im ersten Wahlgang, die Zahl der ungültigen und leeren Stimmen ging zurück. Die Enthaltung sank auf 19,21 Prozent, rund 30 Millionen Wahlberechtigte stimmten nicht ab. Nach einer Auswertung des TSE gingen nach der Verlängerung der Wahlzeit, auf die Bolsonaro seine Betrugsthese stützt, nach 17 Uhr nur rund 34.000 Stimmen ein.

Teile seines eigenen Lagers haben Lulas Sieg anerkannt, darunter PL-Parteichef Valdemar Costa Neto, Vizekandidat Alfredo Gaspar, Gouverneur Tarcísio de Freitas und Rogério Marinho. Gerade Marinho, seinen Kandidaten für das Amt des Senatspräsidenten, spricht Bolsonaro im Brief direkt an: Die Politiker in Brasilien hätten nicht die Freiheit, offen zu sprechen, deshalb werde er die Opposition aus den USA führen.

Der Brief in deutscher Übersetzung

Die auf X veröffentlichte zweite Fassung des Briefs vom 28. Oktober 2026 im Wortlaut:

„Ich wende mich an das brasilianische Volk und an die internationale Gemeinschaft als der Anführer Brasiliens.

Zuallererst möchte ich Präsident Milei für seinen Mut, seinen Gerechtigkeitssinn und seine Rechtstreue danken, ebenso Präsident Trump und dem wunderbaren amerikanischen Volk dafür, dass sie mich aufgenommen haben. Dies ist ein Land der Freiheiten und der Brüder, die dieselben Werte teilen wie die guten Menschen meines Landes. Präsident Trump ist ein großer Verteidiger der Meinungsfreiheit.

Am Sonntagabend habe ich fassungslos mit angesehen, wie sich vor meinen Augen ein Wahlbetrug vollzog. Das illegitime und illegale Handeln von Lulas früherem Anwalt hat ermöglicht, dass eine mathematische Unmöglichkeit Wirklichkeit wurde und Lula vom ersten zum zweiten Wahlgang mehr als zehn Millionen Stimmen hinzugewann. Eine Entscheidung des STF, getroffen unter Übergehung der Zuständigkeit des TSE, verlängerte die Abstimmung in letzter Minute, und die Anordnung kam erst nach dem Ende der gesetzlichen Wahlzeit an, als die Urnen bereits geschlossen waren. Wähler wurden unterschiedlichen Regeln unterworfen. Bislang hat sich das TSE darauf beschränkt, die Verlängerung zu verteidigen, und es gibt nicht eine einzige glaubwürdige Antwort. Und die Nichtigkeitsgründe sind nicht das einzige Problem. Während des gesamten Wahlkampfs gab es Missbrauch politischer und wirtschaftlicher Macht und den Einsatz des Staatsapparats zugunsten der Wiederwahl. Das sind schwerwiegende, gesetzlich ausdrücklich verbotene Tatsachen, die die Aberkennung der Kandidatur Lula–Alckmin rechtfertigen.

Die Antwort des Regimes auf meine Einwände kam schnell. Wie nach einem vorab ausgearbeiteten Plan setzte sieben Minuten nach diesem abscheulichen Wahlbetrug der Richter die politische Verfolgungsmaschinerie des Regimes in Gang – ein Richter, der in einen gewaltigen Korruptionsskandal verwickelt ist, der in dem Ermittlungsverfahren, mit dem er meine Pässe zu beschlagnahmen versuchte, direkt genannt wird und der höchstwahrscheinlich in Haft säße, hätten sie meinen Amtsantritt nicht verhindert. Da er von vornherein ausgeschlossen und völlig befangen ist, dürfte er kein Gerichtsverfahren gegen mich einleiten; schon seine bloße Beteiligung an Verfahrenshandlungen zeigt das Ausmaß der laufenden Willkür und Rechtswidrigkeit.

Es war nicht meine Absicht, meine Heimat zu verlassen, aber ich weiß genau, wohin das führt. Das ist das klassische Handbuch jedes Staatsstreichs. Die politische Verfolgung, die mit meinem Vater, dem früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, begann und sich auf Tausende andere gewöhnliche patriotische Brasilianer und sogar auf amerikanische Bürger ausgeweitet hat, hat ein einziges Ziel: jeden zum Schweigen zu bringen, der mit dem in Brasilien errichteten Ausnahmeregime nicht einverstanden ist – mithilfe eines Obersten Gerichtshofs, den die kriminelle Organisation der PT unterwandert hat.

Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Haftbefehl gegen mich, weil ich kein Verbrechen begangen habe. Was es gibt, ist eine politisch motivierte Hexenjagd, die mich zur Geisel und zum Erpressungsobjekt machen sollte, um die korrupten Richter des Obersten Gerichtshofs vor einem Amtsenthebungsverfahren zu schützen. Das ist das Drehbuch der Verfolgung: Beschlagnahme des Passes, elektronische Fußfessel, Zensur, Hausarrest, Schauprozess und schließlich politische Verurteilung.

Ich werde meine Familie dem nicht aussetzen, und mein Land hat es nicht verdient, noch einmal diese internationale Schande zu erleben. Angesichts der politischen Instrumentalisierung der Justiz in Brasilien habe ich meine Familie in die Vereinigten Staaten gebracht, wo wir in Sicherheit sind. Ich danke noch einmal Präsident Trump und der amerikanischen Regierung dafür, dass sie uns aufnehmen und uns die Rechtssicherheit geben, die wir in Brasilien nicht mehr haben.

Ich will klarstellen: Ich bin nicht aus Brasilien geflohen, ich bin für Brasilien gegangen. Ich habe ein Ausnahmeregime verlassen, um der Anführer sein zu können, den mein Volk verdient. Denn zum Schweigen gebracht, inhaftiert und zensiert, wie mein Vater es ist, könnte ich diese Führung nicht übernehmen, und wir wären dem institutionellen Theater einer kastrierten Opposition ausgeliefert, die von einem mit Handlangern des Regimes besetzten Obersten Gerichtshof kontrolliert wird.

Ich bin nicht der Erste, der aus der Ferne für sein Land kämpfen muss. Rui Barbosa ging ins Exil, weil er sich der Willkür Floriano Peixotos widersetzte, und verteidigte von dort weiter Recht und Freiheit. Charles de Gaulle führte, vom Vichy-Regime zum Tode verurteilt, das Freie Frankreich von London aus und kehrte zurück, um sein Land zu befreien. José Martí organisierte den Kampf für die Unabhängigkeit Kubas von New York aus. In Venezuela mussten Juan Guaidó und Edmundo González das Land verlassen, weil sie sich der chavistischen Diktatur entgegenstellten, und María Corina Machado weigerte sich trotz Verfolgung, den Betrug zu legitimieren, und wurde zu einem weltweiten Symbol des demokratischen Widerstands. Sie alle wurden von den Regimen, gegen die sie kämpften, als Kriminelle behandelt. Die Geschichte gab ihnen einen anderen Namen.

Dies ist erst der Anfang unseres Kampfes für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit in Brasilien. Ich will nicht nur meinen 60 Millionen Wählern, sondern dem ganzen brasilianischen Volk sagen, dass ich der Anführer bin und dass die Kriminellen, die Brasilien die Wahl gestohlen haben, Teil einer kriminellen Organisation sind, die eine Tyrannei errichtet hat. Ihr, die ihr euch den Wandel gewünscht habt – ich werde euch nicht im Stich lassen –, ich werde die Stimme und die freie Führung unserer Nation sein.

An die brasilianischen Institutionen richte ich einen Appell: Dieser Irrsinn muss aufhören. Brasilien erlebt heute ein Chaos aus Rechtsunsicherheit, Korruption und politischer Verfolgung, in dem die Opposition Angst hat zu sprechen und die Familie eines früheren Präsidenten wie ein Staatsfeind behandelt wird. Keine Nation kann so in Frieden leben oder gedeihen. Noch ist Zeit, das Gleichgewicht zwischen den Staatsgewalten wiederherzustellen und den Brasilianern das verlorene Vertrauen zurückzugeben.

An die internationale Gemeinschaft richte ich die Bitte: Normalisieren Sie nicht, was in Brasilien geschieht. Was heute in meinem Land geschieht, ist nicht normal und darf nicht als normal behandelt werden.

An die Senatoren, Abgeordneten und Gouverneure, deren Wahl ich unterstützt habe, und besonders an meinen Kandidaten für das Amt des Senatspräsidenten, Rogério Marinho: Ich weiß, dass ihr heute nicht die nötige Freiheit habt, eure politische Tätigkeit voll auszuüben. Deshalb werde ich die Opposition von hier aus anführen. Ich werde sagen, was ihr dort nicht sagen könnt, und die Risiken tragen, die ihr nicht eingehen könnt.

Und an dich, der du mich gewählt hast und vom Wandel träumst: Wir sind nicht besiegt, und wir sind nicht allein. Dies ist erst der Anfang unseres Kampfes für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit in Brasilien. In den kommenden Tagen werde ich mich regelmäßig an das brasilianische Volk wenden, und wir werden eine Strategie vorstellen, um die Opposition und die gewaltige Unterstützung im Volk, die wir haben, mit allen friedlichen und legitimen Mitteln zu mobilisieren, damit Lula in Brasilien kein diktatorisches Regime festigen kann. Ich bitte jeden Einzelnen, standhaft zu bleiben und niemals aufzugeben.

Ich habe Brasilien verlassen, aber nicht die Brasilianer. Dieser Kampf endete nicht am 25. Oktober. Er endet erst, wenn Brasilien wieder ein freies Land ist. Und dieser Tag wird kommen.

Gott segne Brasilien.

Flávio Bolsonaro“

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