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Gadi Eisenkot: Ex-Armeechef mit Lager knapp vor Netanjahu, aber ohne Mehrheit

Gadi Eisenkot will Netanjahu als Regierungschef ablösen. Laut Nachwahlbefragungen fehlt seinem Lager die Mehrheit – in der Palästina-Frage ist er kaum weniger hart.

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Illustration: Mann im dunklen Anzug mit blauer Krawatte wirft Stimmzettel in blaue Wahlurne, dahinter israelische Flagge und Gebäude.
Bei der Parlamentswahl in Israel liegt das Lager von Gadi Eisenkot laut Nachwahlbefragungen knapp vor Netanjahus Block, beide ohne Mehrheit.

Bei der Parlamentswahl in Israel am Dienstag, 27. Oktober, liegt das Oppositionslager des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot nach ersten Nachwahlbefragungen knapp vor dem Block von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Keines der Lager erreicht demnach die Mehrheit von 61 Sitzen. Die Zahlen sind vorläufig, offizielle Ergebnisse der Zentralen Wahlkommission wurden im Laufe der Nacht erwartet.

Die Prognosen der großen israelischen Fernsehsender sehen Eisenkots Block bei 52 bis 53 Sitzen, das Netanjahu-Lager bei 50 und die arabischen Parteien bei 17 bis 18. Stärkste Einzelpartei ist demnach Netanjahus Likud mit 24 bis 25 Sitzen vor Eisenkots Partei Jaschar mit 21 bis 23. Der Netanjahu-nahe Sender Channel 14 kommt dagegen auf 60 Sitze für das rechte Lager.

Eisenkot sagte kurz nach Veröffentlichung der Prognosen, sie zeigten ein völliges Misstrauen gegenüber Netanjahu. Er kündigte an, die Regierung schnell abzulösen, und versprach einen weiterhin harten sicherheitspolitischen Kurs. Der Sender CNN sprach von der höchsten Wahlbeteiligung seit 1999 und nannte als mögliche Folgen ein Patt, eine Minderheits- oder Einheitsregierung oder Neuwahlen.

Vom Bergmannssohn zum Generalstabschef

Eisenkot wurde am 19. Mai 1960 in Tiberias in Galiläa geboren. Seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus Marokko, die Mutter stammte aus Casablanca, der Vater aus Marrakesch. Der Familienname lautete ursprünglich Azenkot, ein Beamter änderte die Schreibweise zu Eisenkot.

Aufgewachsen ist der heute 66-Jährige in Eilat am Roten Meer, wohin die Familie zog, als er etwa ein Jahr alt war. Der Vater arbeitete in den Kupferminen von Timna, die Mutter war Hausfrau. Eisenkot studierte Geschichte in Tel Aviv und Politik in Haifa und absolvierte das US Army War College. Er ist seit 1984 verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in Herzliya.

1978 wurde er zur Armee einberufen. Die Pilotenausbildung brach er nach einem Monat ab und wechselte zur Infanteriebrigade Golani, die er später kommandierte. Er war Militärsekretär von Ehud Barak, führte die Division Judäa und Samaria sowie das Nordkommando und war stellvertretender Generalstabschef. Von 2015 bis 2019 stand er als 21. Generalstabschef an der Spitze der israelischen Armee, als erster mit mizrachischem Hintergrund. Anfang 2019 ging er nach rund 40 Dienstjahren in den Ruhestand.

Harte Linie als Militär

Bekannt wurde Eisenkot mit der sogenannten Dahija-Doktrin, einer Strategie überproportionaler Vergeltung, die im Libanonkrieg 2006 gegen die Hisbollah angewandt wurde. Bekannt ist er zudem für den „Krieg zwischen den Kriegen“ gegen den Iran und die Operation Nordschild gegen Tunnel der Hisbollah.

Als Generalstabschef stützte er die Verurteilung eines Soldaten, der einen bereits kampfunfähigen palästinensischen Angreifer erschossen hatte. Das brachte ihm Respekt bei Liberalen und Ärger von rechts ein.

Kriegskabinett und persönliche Verluste

Nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 saß Eisenkot als Minister ohne Geschäftsbereich und ohne Stimmrecht im Kriegskabinett. Im Juni 2024 trat er aus, weil er Netanjahus Kurs im Krieg und bei den Geiseln nicht mehr mittrug.

Im Gaza-Krieg verlor Eisenkot drei Angehörige. Sein Sohn Gal, ein 25 Jahre alter Sanitäter und Reservist, fiel am 7. Dezember 2023 in Dschabalia, als er nach Geiseln suchte. Einen Tag später starb ein Neffe, im November 2024 fiel ein weiterer.

2025 verließ Eisenkot die Partei von Benny Gantz und warf ihr fehlende innere Demokratie vor. Er gründete Jaschar, hebräisch für „gerade“ oder „ehrlich“. Vor der Wahl sahen Umfragen die Partei vor dem Likud oder gleichauf mit ihm.

In der Palästina-Frage kein Gegenpol

Gegenüber den Palästinensern vertritt Eisenkot ähnliche Positionen wie Netanjahu. Er lehnt einen palästinensischen Staat ab und sagte im August sinngemäß, unter einer Regierung mit ihm werde es keinen solchen Staat geben. Vorrang haben für ihn das Jordantal und die großen Siedlungsblöcke. 2022, vor seinem Einzug in die Knesset, war er der Frage nach einer Zwei-Staaten-Lösung noch ausgewichen.

Für den Gazastreifen strebt Eisenkot einen langen Waffenstillstand, eine Entmilitarisierung und die Zerschlagung des militärischen Arms der Hamas an. Die Nachrichtenagentur Reuters nennt dafür einen Horizont von etwa 18 Monaten und beschreibt Eisenkot als Alternative mit harter Linie: Er breche mit Netanjahus Führung und dessen rechtsextremen Partnern, nicht aber mit dessen Sicherheitspolitik.

Anders im Stil und in der Innenpolitik

Deutlicher unterscheidet sich Eisenkot im Auftreten und in innenpolitischen Fragen. Er stammt nicht aus einer politischen Elitefamilie, gilt als nüchtern und tritt selten öffentlich auf. Israel hatte noch nie einen mizrachischen Ministerpräsidenten.

Eisenkot macht Netanjahu für das Versagen am 7. Oktober mitverantwortlich und fordert eine staatliche Untersuchungskommission. Er tritt für eine allgemeine Wehrpflicht auch für Ultraorthodoxe ein. Eine Justizreform will er nur mit breitem Konsens. Rechtsextreme Partner wie Itamar Ben-Gvir lehnt er als Preis für die Macht ab.

Schwierige Suche nach einer Mehrheit

Eine Regierung mit dem Likud ohne Netanjahu schließt Eisenkot nicht aus, eine Mehrheit mit den arabischen Parteien lehnt er ab. Ohne Netanjahu und ohne arabische Listen sind 61 Sitze rechnerisch kaum zu erreichen. Wie wir am 27. Oktober über die Prognosen zur Wahl in Israel berichteten, wäre Eisenkot für eine Mehrheit auf arabische Parteien angewiesen.

Auch unter Verbündeten gibt es Misstrauen. Avigdor Lieberman von der Partei Israel Beitenu, Teil des Anti-Netanjahu-Lagers, äußerte kurz vor der Wahl den Verdacht, Eisenkot könnte doch mit dem Likud paktieren. Ben-Gvir und die extreme Rechte stehen ihm feindlich gegenüber. Der Likud forderte kurz vor der Wahl eine Untersuchung gegen Eisenkots Kampagnenleiter wegen einer Veröffentlichung von Daten der Wettplattform Polymarket und stellte bei der Wahlkommission einen Antrag wegen Wahlwerbung auf Facebook.

Eine Zusammenarbeit mit Netanjahu selbst schloss Eisenkot am 21. Oktober im Sender Radio 103FM aus. Er werde nicht unter Netanjahu dienen, „nicht einmal in einem Rotationsabkommen“. Sollte es doch dazu kommen, werde er „eine Stunde später“ zurücktreten.

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